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Land und Leute > Kultur

Kultur

Die Kultur Bulgariens aus prähistorischer Zeit ist hauptsächlich an den Sammlungen des Archäologischen und des historischen Museums in Sofia zu verfolgen, an den Ausstellungen in Museen in Plovdiv, Stara und Nova Sagora, in Varna, Russe, Veliko Tarnovo, Razgrad und Vidin, in Burgas und anderswo. Von besonderem Interesse ist der Siedlungshügel von Karanovo bei Nova Sagora, ebenso die unwahrscheinlichen Felszeichnungen in der Magura – Höhle (Rabiza – Höhle). Reste paläolithischer Kultur sind darüber hinaus in mehreren Höhlen im Balkangebirge und in den Rhodopen vorhanden, und Spuren aus Alt- und Jungseinzeit an der Schwarzmeerküste sind vom Kap Kaliakra im Norden bis nach Achtopol im Süden zu finden. Die meisten Funde beweisen, wie gut die Thraker mit Ton, Kaolin, Stein, Holz, Bronze und Eisen umzugehen wussten. Einmalig sind die Überreste von Tongefäßen und sonstigen Haushaltgegenständen, die bei Nova Sagora gefunden wurden und von der Jungsteinzeit bis zur Bronzezeit entstanden sind. Deshalb wird der Siedlungshügel von Karanovo, der uns sieben aufeinanderfolgende Kulturschichten freigegeben hat, auch als die „Arche Noah“ der europäischen Zivilisation bezeichnet. Da sind bereits die Grundstile des späteren Mittelmeeraltertums angedeutet, die mit der Entwicklung der Handelsbeziehungen zum Vorbild für die gesamte Alte Welt wurden. Der in einer Wohnstätte aus der späten Jungsteinzeit (2. Hälfte des 5. Jh. v. Chr.) entdeckte Schatz von Hotniza und ganz besonders die Funde von der Varnaer Begräbnisstätte (späte Jungsteinzeit) sind unzweifelhafte Beweise für eine hoch entwickelte Zivilisation in Südosteuropa. Beeindruckend sind auch die Dolmen, also jungsteinzeitliche Großsteingräber, (8. – 6. Jh.) in den Ostrhodopen, im Strandsha- und im Sakar – Gebirge, die uns einen Einblick gewähren in die Baukunst der Thraker in der frühen Eisenzeit.

Die thrakische Kultur in unseren Gebieten ist durch außergewöhnliche Kunstgegenstände vertreten. Unübertroffene Meister waren die alten Thraker in der Bearbeitung jeglicher Metalle. Das Zusammenfügen unterschiedlicher Metalle zu einem Gefäß und deren filigrane Bearbeitung ist eine regelrechte Herausforderung für Forscher und Liebhaber von Altertümern von New York bis Tokio. Die bekanntesten sind die Goldschätze von Panagjurischte und Valtschi tran, der Silberschatz von Rogosen, der bei Sveschtari gefundene geflügelte Pegasus und die Grabbeigaben aus den thrakischen Grabmälern. Die Grabmäler selbst lassen zwar einen starken hellenistischen Einfluss erkennen, aber ebenso die Baukunst der Thraker, deren ästhetische und theologische Anschauungen in archaischer und attischer Zeit. Einen ganz besonderen Eindruck machen die nur so dahinfliegenden Streitwagen im Grabmal von Kazanlak und die Karyatiden (weibliche Gewandstatuten als Gebälkträgerinnen an Stelle einer Säule) im Grabmal von Sveschtari. In den letzten Jahren kommen immer neue einmalige Funde aus der thrakischen Antike ans Tageslicht, und zwar dank der persönlichen Initiative und dem Organisationstalent einer Gruppe Archäologen, die sich unter der Leitung von Georgi Kitov zu einer thrakologischen Expedition zur Erforschung von Grabhügeln zusammengeschlossen haben. Deren Ausgrabungen bringen uns unbekannte Seiten thrakischer Lebensweise, Begräbnis- und Orakelbräuche zum Vorschein, ergänzen die Thrakologie. Untersucht worden sind ca. 100 Grabhügel, entdeckt worden sind über 30 Grabmäler, mehr als 5000 Gegenstände von wissenschaftlichem, künstlerischem und musealem Wert. Interessante wissenschaftliche Untersuchungen der Thraker sind bei Alexander Fol, Bogdan Bogdanov, und Ivan Marazov zu finden. Ebenfalls vorhanden ist nun schon eine umfangreiche Literatur zur Frage der thrakischen Antike und zum Hellenismus auf der Balkanhalbinsel. Herodot zufolge kamen die Thraker in Größe und Kultur gleich nach den Indern. Die Überreste thrakischer, hellenistischer und römischer Kultur sind überaus zahlreich. Erhalten, entdeckt und restauriert sind ganze Stadtviertel von Augusta Trajana (dem heutigen Stara Sogora), Trimontium (d. i. das heutige Plovdiv), Nikolpolis ad Istrum in Nordbulgarien, Pautalia (heute Küstendil), Messembrija (also Nessebar), Apollonia (d. i. Sozopol) und viele andere mehr. Bulgariens Museen beherbergen große Sammlungen von Gegenständen aus dem täglichen Leben und der Kriegskunst sowie an Kultgegenständen; ferner Statuen, Grabstelen und –platten, Masken, Mosaiken und kleinen Statuen antiker Götter, Hausgeister und Helden vergangner Zeiten und Größe. Allein unter der Hauptstadt Sofia liegen über 150 000 m2 Überreste des antiken Serdica. Bei jedem Neubau im Stadtzentrum stoßen die Archäologen auf neue Kulturschichten aus der Antike.

Zahlreiche Forscher haben angenommen, dass die Kultur im Zentrum der Balkanhalbinsel ein Anhängsel der altgriechischen Kultur gewesen ist. Erhalten gebliebene Altertümer zeugen jedoch von einer Synthese der thrakischen mit der von außen eindringenden Ästhetik. Immer mehr archäologische Funde zeugen von einer völligen Eigenständigkeit der thrakischen Kultur gegenüber der altgriechischen, und zwar bis zur Blütezeit der ägäischen Stadtstaaten im 5. Jh. v. Chr. Die allbekannten griechischen und römischen Götter sind zu einem Drittel den thrakischen Nachbarn entlehnt, beispielsweise Dionysos (Bacchus) und Ares (Mars), und auch Göttervater Zeus (Jupiter) und seine Gemahlin Hera (Junone) haben thrakische Vorbilder. Die Thraker haben nicht nur die griechische und römische Mythologie durch ihre Götter und Helden bereichert, sondern waren auch Vorbild für die Mysterien, die geheimen Götterkulte des Altertums und für einen Teil der Sitten und Gebräuche um Mittelmeer und Schwarzes Meer herum, von denen so manche noch heute erhalten sind. Jedes Stadtmuseum in Bulgarien ist reich an antiken Gegenständen des täglichen Lebens und Kultgegenständen, die uns die Welt der Bürger von einst erkennen lassen, ihre religiösen, kulturellen und täglichen Bedürfnisse. Von Interesse sind auch die erhalten gebliebenen Amphitheater und Thermen, insbesondere die in Plovdiv, Sofia und Varna. Viele Forscher haben über die Fragen von Archaismus und Hellenismus auf dem Balkan geschrieben und Werke auf Bulgarisch und in den hauptsächlichen europäischen Sprachen darüber sind bereits im 19. Jh. verfasst worden und werden noch heute geschrieben.

Das Eindringen von Slawen und Altbulgaren und die Schaffung des bulgarischen Staates haben dem kulturellen Kalender des Landes neue Tendenzen hinzugefügt. Das Schrifttum änderte sich durch das von den Altbulgaren mitgebrachte Zeichensystem. Die altgriechischen Buchstaben wurden nur noch selten verwendet, vor allem in zweisprachigen Chroniken und in Texten zu den Kriegen zwischen dem Oströmischen Reich (Byzanz) und Bulgarien. Diese Schriftdenkmäler sind wegen Mangel an genügendem Wortschatz nur teilweise zu entziffern und auch wegen mangelnder Systematik in den Texten selbst. Die meisten erhalten gebliebenen Schriftdenkmäler sind in Stein gehauen. Teilweise sind auf dem Boden von Keramikgefäßen und auf Fußbodenziegeln Zeichen zu entdecken, aber auch auf Papyrus- und Pergamentrollen aus Byzanz, auf arabischen Papyrusrollen, auf Kultgefäßen und Kriegswaffen und –ausrüstung. Bedeutend sind die Funde in den altbulgarischen Kultstätten und Kalenderutensilien; erhalten sind auch zahlreiche mündliche Überlieferungen, Lieder und Sitten und Gebräuche aus jener Zeit.

Von Interesse sind die Gold- und Bronzefunde von damals, wie z. B. der Schatz von Nagy Saint Mikloş, Ringe bulgarischer Herrscher, Grabstätten großer Heerführer und Khane, das Schwert von Khan Kubrat und der in seiner Grabstätte gefundene Goldschatz. Ein großes Team von Wissenschaftlern hat sein Leben und seine Bemühungen eingesetzt für die Aufdeckung dieser noch wenig bekannten Schicht unserer Kulturgeschichte. Prosowjetische und proslawische Politik setzte der Möglichkeit für ernsthafte Untersuchungen für lange Zeit ein Ende. Viele Wissenschaftler wie Ivan Vededikov, Slavi Donchev, Petar Dobrev und Jordan Valchev haben neben den bereits von uns gegangenen Stanischev und D. Sasalov der Weltgeschichte eine Menge Fakten und Hypothesen über die Urheimat der Reitervölker geliefert, über deren Kultur, Religion und Sprache. Die Tatsache, dass sich gerade auf der Balkanhalbinsel der Name Bulgarien erhalten hat, zeugt davon, dass das aus den zentralasiatischen Steppen hierher gekommene Volk stark und kulturell identifiziert war. Überreste slawischer Kultur sind nur sehr wenige vorhanden, da diese späten Sippengemeinschaften und ethnischen Gruppen zu eigen war. Angaben darüber sind in byzantinischen Chroniken und späteren kyrillischen Inschriften zu finden.

Ein neuer Abschnitt in Bulgariens Kulturgeschichte ist die Annahme des Christentums. Neben den vorchristlichen Denkmälern aus der Hauptstadt Pliska und dem Reiter von Madara, dem größten Felsenrelief in Europa, sind die frühen Kirchen und Bauten interessant, deren Überreste in Veliki Preslav, in zahlreichen frühmittelalterlichen Städten an der Schwarzmeerküste und im Innern des Landes zu sehen sind. Das 9. Jh., auch als „Goldenes Zeitalter“ der bulgarischen Kultur bezeichnet, gilt auch als Beginn des bulgarischen Schrifttums. Damals wurden außer Übersetzungen der grundlegenden christlichen Bücher noch zahlreiche Lobeshymnen, Gebete und Gesänge niedergeschrieben.

Ein Sinnbild für die Kultur des Landes sind die Namen des Schriftstellers und Theologen Tschernorisez Chrabar, in dem einige Wissenschaftler Zar Simeon I vermuten, von Joan Kukusel, dem engelstimmigen Sänger und Verfasser vieler herrlicher Gesänge, von den Schülern der Brüder Kyrill und Methodij – Klimend von Ohrid, Sava, Naum, Gorazd und Angelari, alle von der orthodoxen Kirche heilig gesprochen wegen ihrer Verdienste um die geistige Weiterentwicklung ihres Volkes. Das Eingehen vieler neuer ethnischer Gruppen in die bulgarische Nation hat auch deren Kultur bereichert. Erhalten geblieben sind viele Feste, Bräuche und Lieder, Zaubermärchen, Sprichwörter und Redewendungen, die der Kultur Bulgariens und Europas eine besondere und einmalige Linie geben.

Erwähnenswert sind dann noch die frühchristlichen Klöster, von denen das majestätischste das Rilakloster aus dem 10. Jh. ist, eine Feste bulgarischen Geistes und Schrifttums. Einmalig ist die Kombination mittelasiatischer, thrakischer und frühchristlicher Elemente an Kapitellen und Säulen in Kirchen und weltlichen  Gebäuden, auf den Plänen früher Festungen und Städte. Sie zeugen vom guten Geschmack bulgarischer Herrscher, vom tiefen Einflechten unterschiedlicher Kulturelemente, wie das kulturell hochentwickelten Völkern nun mal eigen ist.

Bis in die Neuzeit sind romanische Bauten, hauptsächlich orthodoxe Kirchen, aus dem 11. und 12. Jh., also aus der Zeit der Byzantinerherrschaft erhalten geblieben. Kulturell eingeschmolzen und nochmals ausgemalt werden diese Kirchen auch heute noch genutzt. Die Kultur des Bulgarenreiches nach der Befreiung von der byzantinischen Oberherrschaft beeindruckt durch ihren Reichtum und ihre einmalige kulturelle Identität. Die Festungen in Vidin, Tscherven, Beroe und Sredez, die in Asenovgrad, Belogradtschik und vielen anderen mittelalterlichen Städten werden auch heute noch bei Dreharbeiten für historische Filme genutzt. Schüler und Studenten, Archäologen und Städtebauer führen hier ihre Untersuchungen durch. Die Bauwerke beeindrucken gar nicht so sehr wegen ihrer Größe, sondern vielmehr durch die außergewöhnliche Bauweise und die strategische Auswahl der Gegend und anschließendes Einfügen in die Landschaft.

Herrlich sind die Fresken in den Kirchen und Klöstern dieser Zeit. Die Kirche von Bojana bei Sofia wird mit Bauwerken der Renaissance verglichen, obgleich sie anderthalb Jahrhunderte vor diesen entstanden ist. Die Klöster bei Ivanovo, und Batschkovo und das Aladsha-Kloster nördlich von Varna fallen durch die meisterhaften Arbeiten ihrer Erbauer, Maler und Holzschnitzer auf, durch die faszinierende Verknüpfung von Natur und Lage. Insbesondere wäre da die alte Hauptstadt Veliko Tarnovo zu nennen. Der Zarewez-Hügel mit seinem Stadtbauplan, seinen Mauern, Kirchen, Türmen und Wohnanlagen. Und Kirchen und Klöster in der Umgebung sowie das kleine Dorf Arbanassi beeindrucken durch ihre Einmaligkeit und zeugen von der Größe der bulgarischen Herrscher, von deren hoher Kultur und Denkweise. Aufschlussreiche diabolische, theatralische und tänzerische Szenen entdecken wir an den Fresken bulgarischer Kirchen und Klöster. So sehr diese Zeichnungen auch aus dem üblichen Rahmen für die damaligen Wandmalereien fallen, desto größer ist ihr Wert für die bulgarische Kulturgeschichte, ein ungeschriebenes Lehrbuch für die „Kehrseite der Medaille“ der Orthodoxie.

Bemerkenswert ist die Literatur jener Zeit. Vor allem die Namen von Presbyter Kozma und Patriarch Evtimij, den geistlichen und geistigen Führern der Bulgaren. Ebenfalls aus dieser Zeit sind zahlreiche ohne Notenlinien aufgezeichnete Gesänge erhalten, die heutzutage zum Repertoire von Kirchenchören gehören und Bulgarien bereits in aller Welt bekannt gemacht haben. Die altertümlichen Marginalien (Randbemerkungen in alten Druckschriften) und Abschriften der Evangelien gehören ebenfalls zu den Sammlungen der Museen in der Welt. Das bekannteste ist das Londoner Evangelium aus der Zeit Zar Ivan Alexanders in vorzüglicher Schönschrift, Initialen mit ungewöhnlicher Ausschmückung, stilisierte Zeichnungen, die sich sehen lassen können.

Nachdem Bulgarien unter die osmanische Herrschaft gefallen war, schien die gesamte Kultur des Landes dem Untergang geweiht. Verstärkt wurden Moscheen und Gebäude im orientalischen Stil erbaut, die teilweise noch erhalten sind. In den ersten Jahrzehnten der Fremdherrschaft war der Bau christlich-orthodoxer Kirchen untersagt. Später wurde es wieder gestattet, Kirchen zu errichten, allerdings durften sie nicht höher sein als ein Türke zu Pferd, und so wurden sie in die Erde hineingebaut. Die Schreibkunst wurde nur in Klöstern gepflegt, die weit entfernt lagen von den Spähern der Türken. Und so gibt es nur wenige Abschriften, zumindest in den ersten beiden Jahrhunderten. Neue Klöster sind erst im 17./18. Jh. entstanden, und dann auch nur infolge einer speziellen Genehmigung durch die hohe Pforte. Gegründet wurden Schulen für Ikonenmalerei, Holzschnitzerei und Kirchen- und Klosterbau. Jenseits der für die bulgarische Kirche geltenden Grundsätze und Regeln standen die der griechisch-orthodoxen Kirche, die entsprechend einer Genehmigung des Sultans verlangten, dass sämtliche Inschriften auf Ikonen und der Gottesdienst Griechisch zu sein hatten. Der Kampf um eine unabhängige Kirche dauerte über ein Jahrhundert an und endete schließlich damit, dass eine völlige Unabhängigkeit für die bulgarische Kirche erkämpft wurde. Dadurch erlebten auch die Ikonenmaler- und Holzschnitzerschulen einen neuen Aufschwung. Die bekanntesten Schulen dieser Art waren die von Trjavna, Debar und Bansko.

Der Name Zachari Zograf ist für jeden Bulgaren ein Begriff und seine Schüler haben einen neuen Stil in der Ikonenmalerei geschaffen. Von den Ikonen in den Kirchen schauen nun auch die Gesichter ganz gewöhnlicher Menschen, Stifter und Mäzene des geistigen Lebens in Bulgarien auf uns herab. In Vergessenheit geratene und verboten gewesene Kalender- und Kirchenfeste wurden wieder zu neuem Leben erweckt. Bulgarische Riten und Feiertagsfolklore gelangten zu neuer Blüte. Geschaffen wurden Heldenlieder und Lieder über die Haiducken, die Freiheitskämpfer gegen das osmanische Joch, über Arbeit, Liebe und Ehe, über Natur und Gott. Bulgarien erlebte seine Wiedergeburt. Und zu diesem Zeitpunkt erblickte auch die Slawisch-bulgarische Geschichte des Mönchs Paissij Hilendarski das Licht der Welt und rief jedem Bulgaren die Geschichte seines Volkes ins Bewusstsein zurück, stärkte sein Selbstbewusstsein und seinen Nationalstolz, seinen Freiheitsdrang. Dieses kleine Büchlein hat durch seine zahlreichen Abschriften mehr bewirkt, als es –zig erfolglos verlaufende Aufstände hätten tun können. Davor gab es zwar schon die von Blasius Kleiner und Raino Popovitsch aufgezeichnete Geschichte des bulgarischen Volkes, doch die waren nur einer Handvoll Intellektueller in der Verbannung im Ausland zugänglich und darüber hinaus auch unvollständig in ihrer Darlegung. Einer derjenigen, der von Paissijs Geschichte Abschriften angefertigt hat, war Bischof Sofronij Vratschanski, selbst Schriftsteller und geistlicher Führer.

Typisch ist auch die Architektur der Wiedergeburt im 18. und 19. Jahrhundert. Noch heute kann man zahlreiche Altstadtviertel und ganze Ortschaften besuchen, denen die Baumeister jener Zeit ihren Stempel aufgedrückt haben. Kopfsteingepflasterte Gassen, Bauweise an Hängen, vorgekragte obere Stockwerke mit Erkern und überdachten Balkons und kleinen Fenstern, bunte stilisierte Figuren an Häuserfassaden, farbenprächtige, eng aneinandergepresste Häuser... Holz, Stein und Kalk sind die hauptsächlichen Materialien der damaligen Baumeister. Bestaunenswert sind auch die Inneneinrichtungen. Lehmboden, kleine verkleidete Feuerstellen, holzgeschnitzte Decken und Wandbänke bilden den neuen Stil, der später „á la franga“ (nach Art der Franken“ genannt wurde.

Solche Städte und Ortschaften sind Koprivschtiza, Tarnovo und Plovdiv; Schiroka Laka in den Rhodopen, Trjavna, Gabrovo, Elena, Kotel und Boshenzi im Balkangebirge und Melnik ganz in Bulgariens Südwesten, aber auch noch zahlreiche andere Orte. Sie gehören zu den Lieblingsplätzen von Malern, Dichtern und Musikern und werden von Touristen aus aller Welt besucht. Von besonderem Interesse sind auch die aus dieser Zeit erhalten gebliebenen Handwerkerwerkstätten, deren Produktionsweise im Freilichtmuseum der Kunsthandwerke Etara bei Gabrovo, in Dobritsch, Plovdiv, Trjavna und anderswo nachzuvollziehen ist. Die originell gestalteten Häuser und Brücken verleihen den Ortschaften ein recht eigentümliches Antlitz. Ein allgemein anerkannter Meister seines Handwerks ist der autodidakte Baumeister Koljo Fitscheto, den man von der Bedeutung her etwa mit Schinkel vergleichen kann. Er hat uns Nachfahren außergewöhnliche Kirchen und Glockentürme, einmalige Brücken, Gebäude und Brunnen hinterlassen.

Die neue bulgarische Literatur erlebte ebenfalls einen Aufschwung. Neben der von Lehrern geschaffenen Poesie und didaktischen Prosa wurde auch die Dramaturgie ins Leben gerufen und die ersten bulgarischen Bücher und Periodika gingen in Druck. Bekannt wurden die Namen von Dobri Tschintulov, Petko Slavejkov, Ljuben Karavelov und Georgi Rakovsi  in der Literatur und die von Vasil Drumev, Krastjo Pischurka und Dobri Vojnikov als erste Meister des Dramas. Der Genius eines Botev war dann später die Folge eines langen Prozesses des Heranreifens der bulgarischen Intelligenz jener Zeit. Selbst der große Freiheitskämpfer Vasil Levski versuchte seine Feder und hat uns außer Episteln auch ein autobiographisches Poem hinterlassen, das durch seinen offenen Stil und seine volksnahe Klangfarbe hervorsticht.

Beispiele für politische Satire, Feuilletons und Epigramme finden wir vor allem bei Hristo Botev. Slavejkov der Ältere sammelte über 150 000 Sprichwörter und Redewendungen unter dem Volke. Die Brüder Miladinovi, Grigor Parlitschev und Kuzman Schapkarev zeichneten die Folklore der mazedonischen Bulgaren auf und schufen hervorragende Werke.

Durch die sich neu ergebenden Bildungsmöglichkeiten in nunmehr weltlichen Schulen, Lesestuben und Gymnasien entwickelte sich auch die Kultur Bulgariens rasch weiter. Mitte des 19. Jh. richtete Vasil Aprilov das berühmt gewordene Gymnasium in Gabrovo ein, dass später seinen Namen erhielt. Dr. Peter Beron verfasste das erste Lehrbuch, das wegen des am Ende abgebildeten Delphins auch Fischfibel genannt wurde. Auch zu den verschiedenen Schulfächern erschienen Lehrbücher. Viele Bulgaren lernten auch im Ausland – in Russland, Deutschland, Italien und Frankreich.

Nach der Befreiung vom Osmanischen Joch erlebte auch die Kultur des Landes einen Durchbruch und innerhalb kürzester Zeit brachen sich zahlreiche Talente in allen Bereichen des kulturellen Lebens Bahn.  Der Literatur waren das der Nationaldichter Ivan Vasov sowie Aleko Konstantinov, Pentscho Slavejkov und Sachari Stojanov. In die Malerei gingen die Ausländer Vereschtschagin und Markvitschka ein, die die Anfänge der realistischen Schule in der bulgarischen bildenden Kunst schufen. Bulgarien wendete sich Europa zu und schöpfte aus dessen Kultur aus dem Vollen, um alles Versäumte nachzuholen. Die Zeit des Symbolismus, Impressionismus und Expressionismus bereitete Dichtern wie Geo Milev, Javorov, Rakitin und Liliev den Weg, Malern wie Nikolaj Rajnov, Boris Georgiev, Sirak Skitnik und Ivan Milev, Bildhauern wie Andrej Nikolov, Komponisten wie Panajot Pipkov und Pantscho Vladigerov, alles Persönlichkeiten, die auch in die europäische Kulturelite Eingang gefunden haben. Vasil und Shana Gendovi führen die Kinokunst ein. Das Theater hält sich an Russland und Westeuropa. 1904 wurde ein Nationaltheater ins Leben gerufen, zahlreiche Truppen spielten ein klassisches Repertoire unter großen Regisseuren und mit großen Schauspielern, eine Schauspielschule wurde geschaffen und große ausländische Theater gaben ihre Vorstellungen auf bulgarischen Bühnen. Zu den größten Regisseuren gehörten Geo Milev und Isak Daniel, der größte Dramaturg war Vasov und neben ihm Petko J. Todorov und Pejo Javorov. Die Schauspielkunst von Vasil Kirkov, Adriana Budevska und Krastjo Sarafov zogen das Publikum jahrelang in das erste Theater.

Zwischen den beiden Weltkriegen suchte die bulgarische Kultur nach längerem Hin- und Herschwanken ihre Wurzeln erneut in den zeitgenössischen Strömungen Europas. Zu Themen wurden das Leben in Stadt und Land, Alltag und Feste des Bulgaren und seine seelische Stimmung. Das war auch die Zeit der Entwicklung der Wissenschaft. Die neu gegründete Akademie der Wissenschaften zog viele Gelehrte an, die in Europa und Amerika spezielle Ausbildung genossen und durch ihre Werke und Forschungsarbeiten zur Entwicklung des akademischen Gedankens in Bulgarien beitrugen. Die Universität in Sofia war für lange Zeit die einzige Hochschulbildungseinrichtung im Lande. Das Studium dort war zweifellos von guter Qualität, das Wissen der Lehrer ausgesprochen umfangreich.

In der Belletristik haben sich Jordan Jovkov und Elin Pelin einen Namen gemacht, in der Poesie Vapzarov und Bagriana, in der Dramaturgie Kostov und Stojanov, in der Malerei Georgi Dimitrov, der Meister und Kyrill Zonev, als Bildhauer Funev und als Regisseure Sartschashiev und Danovski – all das nur ein winziger Teil der Namen aus der Schatzkammer der bulgarischen Kultur jener Zeit. Die Gebäude im Sezessionsstil, einer österreichischen Abart des Jugendstils, machten dem Bauhausstil Platz, die Städteplanung wurde der Westeuropas angeglichen. Zum Vorschein kamen Caféstuben und Kulturzentren, Kinos, Theater, Museen und Bibliotheken. Und als Sammler und Analysatoren der Volkskunst haben sich Mihail Arnaudov, Konstantin Sagorov und Ivan Hadjijski einen besonderen Namen gemacht.

Die Nachkriegszeit wurde durch den so genannten sozialistischen Realismus geprägt. Ein Merkmal von 45 Jahren sozialistischer Kunst sind Heldentum, Thesenreichtum und Ideologisierung. Positiv war die Anhäufung von Finanzmitteln in den Händen des Staates, der diese auch der Entwicklung der Kultur zugute kommen ließ. Dadurch konnten in allen Kunstarten und Genres bedeutende Werke entstehen. Seltene Kunstarten wie Pantomime, Puppentheater, Schlager und Zirkus fanden Anhänger in aller Welt. Einen besonderen Aufschwung erlebte die Laienspielkunst. Heimattreffen, Festivals aller Art und Folklore wurden zu nationalen Werten erhoben. Besonderer Anerkennung erfreut sich unser Land wegen seiner Opernsängerschule, vertreten durch Bosris Hristov, Nikolaj Gjaurov, Rajna Kabaivanska und Gena Dimitrova, die lange Jahre an der Mailänder Scala und an der Metropolitan opera gefeiert wurden und werden.

Körperkultur, Sport und Tourismus wurde große Aufmerksamkeit geschenkt. In vielen Sportarten entstanden in unserem Lande gute Schulen. Bei Olympiaden, Europa- und Weltmeisterschaften erhalten unsere Sportler häufig Goldmedaillen. Am besten vertreten die Sportler Bulgarien in Schwerathletik, Ringen, Leichtathletik, rhythmischer Sportgymnastik, Sportschießen und Alpinismus.

Nach dem 10. November 1989 fielen dann die ideologischen Barrieren vor den bulgarischen Kulturschaffenden. Freizügigkeit und nicht vorhandene Zensur gaben der Kultur einen neuen Anstoß. Die Kunst- und Kulturschaffenden können nun frei die ganze Welt bereisen und machen ihre Heimat überall bekannt. Heute sind „Mysterien bulgarischer Stimmen“, Radiokinderchor, bulgarische Nationaloper und Künstler wie Christo, Georgi Markov, Milcho Leviel und Edi Kasasjan keine Dissidenten mehr, sondern Teil unserer kulturellen Identität, unser Angesicht vor der Welt. In der populären Musik und im Jazz kommen neue Meister  zum Vorschein. Die Namen von Simeon Schterev, Ljubomir Denev und Teodosij Spasov sind der Weltelite der Musik wohlbekannt; Stefan Danailov gehört zu den Sternen am europäischen Kinohimmel; eine neue Welle Theaterregisseure erobert die europäischen Bühnen, darunter Dimitar Gotschev, Alexander Morfov und Tedi Moskov als Regisseure. Presse, Rundfunk und Fernsehen sind in Bulgarien sowohl staatlich als auch privat. Im Lande erscheinen ca. 15. Tageszeitungen, über 30 Wochenzeitungen und –zeitschriften und zahlreiche Periodika. Die Landesrundfunkanstalt sendet auf  Mittel- und Kurzwelle und UKW und private Rundfunksender existieren in fast allen Städten des Landes. Ebenfalls über das ganze Land sind neben dem Landesfernsehen und bTV viele Privatkanäle und Kabelfernsehsender verteilt. Es gibt auch eine Menge Videoclubs.

In jeder Stadt sind ein historisches Museum, Schulen, Gymnasien, Lesestuben, Kulturhäuser und Bibliotheken. Kinos gibt es überall, Theater in den größeren Städten. Ein kleiner Teil davon sind staatlich, mehr gehören den Gemeinden, aber auch private Theatertruppen bilden sich mehr und mehr. Neben dem Staatszirkus bestehen auch mehrere private. Dazu Puppentheater, Opern-, Operetten- und Balletttheater, Pantomimentheater, Café-Theater, Varietees und Nacht- und Musikclubs.

Ein Problem in der heutigen Zeit ist die Bewahrung der ursprünglichen althergebrachten Kultur Bulgariens. In der Musikfolklore sind beispielsweise arhythmische Takte typisch und kehliges Singen und zwei- und dreistimmiges Singen. Eine große Aufgabe der zeitgenössischen Kunst- und Kulturschaffenden ist die Rückkehr zu den Wurzeln des Volkes, zu Untersuchung und Bearbeitung von Themen aus der Jahrtausendealten Schatzkammer des bulgarischen Volkes. Nur so wird es möglich sein, den nationalen Geist aufrechtzuerhalten, der der Welt das wahre Antlitz Bulgariens zu zeigen vermag, das Land eines alten, talentierten und würdigen Volkes.

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