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Nord Bulgarien > Russe > Geschichte

Russe Geschichte

Ausgrabungen haben erwiesen, dass dieser Punkt an der Donau schon vor 5000 Jahren v. Chr. besiedelt war (nahe der heutigen Stadt liegt der bekannte Russener Siedlungshügel). Nach den Thrakern setzten sich die Römer hier fest und erbauten das Kastell ‘Sexaginta Prista’ (Stadt der 60 Schiffe). ‘Prista’ bezeichnet einen bestimmten griechischen Typ Wachschiff. Vermutlich wurde Russe vom römischen Kaiser Vespasian gegründet (69-79). Später sind die Bezeichnungen Pristis und Pristapolis anzutreffen. Der Ort wurde im 6. Jh. von den Awaren zerstört. Im Mittelalter wurde in Ruinennähe eine neue Siedlung gebaut, die zum ersten Mal in einem Reiseführer aus dem 14. Jh. unter dem Namen Rossi erschien. Im Sultansregister von 1431 und im Friedensvertrag zwischen dem Osmanischen Reich und Ungarn vom 20. 8. 1503 findet man die Bezeichnung Russi. In den Chroniken des Achmed Neschri und in einer Reihe alter Karten wird von einer geschlossenen Ortschaft gesprochen, die Gjurgevo (Giurgiu) gegenüberliegt, mit den Namen Jorgiu, Jorgovo, Jurukova, Russi beiderseits der Donau, von Gjurgevo ebenfalls beiderseits der Donau.

Im Jahre 1595 unternahm Michai Vitjasul (der Tapfere) aus der Walachai den Versuch , mit walachischen und bulgarischen Soldaten Bulgarien zu befreien. Russe wurde dabei zerstört. Anfang des 16. Jh. bekam der Ort den Namen Rustschuk (Kleines Russi). Die Stadt entwickelte sich zum bedeutenden Hafen und Wehrfestung an der Grenze. 1811 wurde hier unter dem russischen General Kutusov die bekannte Rustschuker Schlacht geführt, die ihn als begabten Heerführer auszeichnete. 1864 wurde die Stadt zum Zentrum der Donauregion im Osmanischen Reich erklärt. Bedeutung erhielt die Stadt 1866 als Endstation der ersten bulgarischen Eisenbahnlinie von Varna aus. Hier entstand das erste moderne landwirtschaftliche Gut Bulgariens. Es wurde eine Schifffahrtsverwaltung gegründet, die innerhalb kurzer Zeit 7 Schiffe und 15 Frachtschiffe kaufte. Eine Druckerei mit Maschinen aus Wien begann Zeitungen, Bücher und Schulbücher zu drucken. Die Buchhandlung bekam den Namen Christo G. Danov. Zur Bildung der Einwohner um 1843 trug auch die in Straßburg von Alexandar Russet herausgegebene erste geografische Karte Bulgariens in bulgarischer Sprache bei.

Unter europäischen Einfluss geriet die Stadt mit wachsendem Schiffsverkehr auf der Donau (vorwiegend österreichisch-ungarische Schiffe), was sich günstig auf die gesamte Entwicklung der Stadt auswirkte. Es wurden Häuser und öffentliche Gebäude gebaut, die in der Architektur dem Stil  der österreichisch-ungarischen Hauptstadt Wien ähnelten. Auch die europäische Mode hielt ihren Einzug. Ab 1. Januar 1866 wurden in Rustschuk die ersten bulgarischen meteorologischen Beobachtungen mit österreichischer Apparatur gestartet.

An den Kämpfen um geistige und nationale Befreiung nahm die Bevölkerung regen Anteil, immerhin war die Stadt das Tor zu Europa und den Freiheitsideen des alten Kontinents. Die Lesestube Sora und das Haus der bulgarischen Patriotin Baba Tonka Obretenova waren Treffpunkte der Freiheitsliebenden. Vielen Verfolgten wurde geholfen, das Land zu verlassen, anderen - in die Heimat zurückzukehren. Bei Schießereien mit der türkischen Polizei starb Angel Kantschev, einer der treuesten Mitstreiter von Levski. In der Stadt wurden Baba Tonka, ihre Söhne und Töchter begraben, auch die Revolutionäre Stefan Karadsha, Angel Kantschev, Sachari Stojanov, Ljuben Karavelov, Panajot Chitov, Christo Makedonski, Dimitar Zenovitsch und viele andere.

1979 wurde ein Pantheon mit ewiger Flamme für alle Wiederstandskämpfer dieser Zeit errichtet. Hier ruhen viele der 453 würdigen Bulgaren, die in der Stadt geboren oder mit ihr verwachsen waren. Die Inschriften listen ihre Namen auf. Am 20. 2. 1878 trafen unter General Totleben die russischen Soldaten in Rustschuk ein, stürmisch begrüßt von den Einwohnern mit Bischof Kliment Branizki (Vassil Drumev) an der Spitze.

Die Stadt war mit 20 000 Einwohnern die größte unter den befreiten Städten Bulgariens.  Am 31.7.1879 wurden auf den Schiffen, ein Geschenk Russlands, die bulgarischen Fahnen gehisst. Sie bildeten den Grundstock der organisierten bulgarischen Donauschifffahrt. 1881 eröffnete man die erste Seemannsschule, sie wurde später nach Varna verlegt. Girdap, die erste bulgarische Bank, wurde 1881 hier gegründet. Die bulgarische Handelskammer öffnete 1889 ihre Türen, zwei Jahre später  schloss sich die erste Versicherungs-AG  Bulgaria zusammen. Ende des 19. Jh. wirkten in Russe viele bekannte Architekten (Eduard Winter, Udo Ribau, Georg Lang, Edwin Petritzki, Negos Bedrosjan, Todor Tonev, Nikola Lasarov),  Maler und Restaurateure (Carlo Francescani, Giovanni Pitor), Landschaftsarchitekten  (Ferdinand Halober, Richard Neuwirt). Nicht zufällig nennt man auch heute Russe die europäischste Stadt Bulgariens. Hier wurde die Schriftsteller Elias Canetti geboren (Nobelpreis für Literatur 1981), Dobri Nemirov und Mikel Arlan. In der Stadt lebten und wirkten Ljuben Karavelov, Ivan Vasov, Stojan Michailovski, der Poet Zwetan Radoslavov, Autor des Liedertextes Stolzer Balkan (1885), was zur bulgarischen Nationalhymne wurde, der Maler Jules Pascin  (Pinkas), der Pianist Otto Liebig, die Opernsängerin Mimi Balkanska, der Akademiker Michail Arnaudov.

Die Bedeutung der Stadt wuchs mit dem Bau der Donaubrücke 1954, die das bulgarische Ufer mit dem rumänischen verbindet (Brücke der Freundschaft). Eben hier fanden Ende der 80-ger Jahre des 20. Jh. Proteste statt gegen die Vergasung der Stadt durch das chemische Kombinat in Giurgiu (Rumänien), die den Anfang des demokratischen Umbruchs in Bulgarien einleiteten. Heute ist Russe ein Zentrum der Wirtschaft, des Transports, der Kultur und des Tourismus.

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